Wenn der Körper feststeckt

Mich berührt der Satz von C.G. Jung „Wir heilen eigentlich nichts, wir lassen es einfach sein.“ Ich verstehe es so: einem Menschen, der Hilfe sucht, weder Dinge einreden, noch ausreden, sondern einen Rahmen oder Raum schaffen, innerhalb dessen er sich und das, was in seinem Leben passiert ist, letztlich als „in Ordnung gebracht“ sehen kann. Wir haben all das überlebt, was passiert ist, allein diese Tatsache spricht schon dafür, dass es letztlich „in Ordnung gebracht ist“.

Wenn wir uns auf den Weg machen, Ordnung und Klarheit in uns zu bringen, dann ist das ein Aufbruch, ein Aufbrechen der Eierschale, in der wir verharren, bis es uns sprichwörtlich zu eng wird, bis uns nichts anderes übrig bleibt, als die Schale zu sprengen und durch die entstandenen Risse neue Welten wahrzunehmen.

Als Coach begleite ich meine Klienten während dieses Aufbrechens gerne mit analytischer Hypnose. So gestalte ich einen sicheren Raum, in dem sich der Klient auf die Reise begibt zu neuen Welten in seinem Inneren. Darüber habe ich in einem anderen Blog-Beitrag geschrieben.

Manchmal kann das schmerzhaft sein, was wir auf der Reise erkennen, aber auch dann überwiegt letzten Endes die Erleichterung, weil etwas klar geworden ist, weil wir etwas verstanden oder integrieren konnten. Tiefe Dankbarkeit für das Leben und für die Präzision, mit der das Universum arbeitet, ist oft die Folge.

An die Narben rühren

Auf dieser inneren Entdeckungsreise kann es vorkommen, dass wir sehr gewillt sind, uns dem eigenen Schmerz zu stellen, in der Hypnose aber über eine bestimmte Schwelle beim besten Willen nicht hinwegkommen. Dann liegt es nicht daran, dass wir unwillig, unfähig oder eiskalt sind, vielmehr werden wir beschützt durch unser System vor Offenbarungen, die uns im Moment noch überfordern würden. Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn sich Ereignisse als so lebensgefährlich in den Körper eingebrannt haben, dass jegliches Erinnern daran sofort große Angst auslöst und alle Prozesse der Aufarbeitung abschalten. Das ist eine kluge Strategie unseres Körpers. Das ist in Ordnung. Man nennt es Trauma.

Dass wir diese „Narbe“ überhaupt bemerken und diese Schwelle erreichen konnten, ist bereits ein großer Schritt und gleichzeitig auch ein Zeichen: eine Vermutung, eine Hoffnung, eine vage Vorahnung, dass es irgendwann, irgendwie doch möglich sein könnte, durch diesen Schmerz hindurchzugehen und ihn aus der Erstarrung im Körper zu befreien.

Hierbei kann es helfen, statt der analytischen Arbeit mit Hypnose, die für den Geist überwältigend sein könnte, die eher körperbetonte Variante mit EMDR zu wählen.

Was ist EMDR und wofür nutze ich es bei meiner Arbeit?

EMDR kommt zum Einsatz, wenn dem Geist die Worte fehlen um das auszudrücken, worunter der Körper immer noch leidet. EMDR steht für Eye Movement Desensitation and Reprocessing und ist eine Methode, mittels derer durch bilaterale Stimulation des Körpers – z. B. der Augenbewegung – belastende, aber nicht greifbare Erinnerungen „entschärft und aufgeräumt“ werden können. Diese im Gehirn nicht richtig aufgeräumten Erinnerungsfetzen sind es, die einen Menschen belasten, der etwas erlebt hat, was er nicht bewältigen konnte, weil sie immer wieder durch sein Bewusstsein wabern und seine Wahrnehmung verzerren. Oft hat sich dabei das, was nicht bewältigt werden konnte, irgendwo im Körper verkapselt, so wie ein Muskel verkrampft, wenn du dich an einem Möbelstück gestoßen hast. Umgekehrt heißt das aber eben auch, dass wir eine traumatische Erfahrung durch Einbeziehung des entsprechenden Körperteils ablösen können.

Richtungsweisend in der Traumaarbeit mit dem Körper war das „Somatic Experiencing“ von Peter Levine, der die Methode des „Pending“ anwendete, des Hin- und Herschaukelns durch bilaterale Reize bei traumatisierten Soldaten, die aus Afganistan zurückkamen. Francine Shapiro hatte Anfang der 90er Jahre Ähnliches entdeckt, als sie per Zufall erkannte, wie sehr es dem Ordnungsprozess im Gehirn hilft, das Muster zu beobachten, das entsteht, wenn Sonnenstrahlen durch ein Blätterdach auf den Boden fallen. Ihr ist es zu verdanken, dass wir ein sehr klares, nahezu universell einsetzbares Protokoll für die Behandlung mit EMDR haben, mit dem Therapeuten und Coaches weltweit arbeiten.

EMDR – konkret erklärt an einem Beispiel

Im Normalfall arbeiten im Gehirn drei Bereiche zusammen für das folgerichtige Abspeichern von Erlebnissen: Die Amygdala, der Hippocampus und der Präfrontale Kortex. Bei Überwältigung funktioniert die Zusammenarbeit der drei Areale nicht richtig, sodass eine vollständige Speicherung ausbleibt. Bruchstücke von Erinnerungen finden den Weg „nach Hause“ nicht, kreisen endlos und kommen in den unpassendsten Situationen wieder hoch. Solche belastenden Erinnerungen können einmaliger, traumatischer Art sein, sei es ein Unfall oder ein Schock, oder lang anhaltend, als seelische Belastung über Jahre, z.B. Vernachlässigung. Für die Behandlung ist es nicht zwingend erforderlich, den exakten Auslöser zu kennen. Im EMDR arbeiten wir mit den Auswirkungen im Jetzt. Wenn der Klient gleich mehrere Auslöser für seelische Blockaden vermutet, beginnen wir mit dem, was sich als Erstes zeigt und arbeiten die Themen hintereinander ab.

Wenn aufgrund des Vorgesprächs eine EMDR-Sitzung sinnvoll scheint und der Klient einverstanden ist, bitte ich ihn:

1. sich eine belastende Situation vor sein geistiges Auge zu holen (z.B. ein Streit mit dem Partner)

2. zu beschreiben, wie er dabei über sich denkt (z.B. Ich bin hilflos.)

3. wie er sich fühlt (z.B. traurig, schuldig)

4. welche Intensität auf einer Zahlenskala das Erleben hat

5. wo im Körper er dieses Gefühl wahrnimmt (z.B. Herzklopfen).

Anhand von sehr konkreten Schritten innerhalb des EMDR-Protokolls setze ich dann einen sogenannten bilateralen Reiz, das heißt, ich pendele zwischen zwei Bewegungen, z.B. indem der Klient mit seinen Augen meinem winkenden Finger folgt, so lange, bis die Intensität des Erlebens spür- und messbar nachlässt. In einem zweiten Schritt kann dann der weit gewordene Raum, der im Körper entstanden ist, mit positiven, freudvollen Gefühlen gefüllt werden.

Auch die Augen speichern Trauma

Wir vergessen beim Thema traumatische Erfahrungen oft, dass das Erlebte sich auch in den Augen niederschlagen kann. Wenn wir etwas gesehen haben, das unser Verstand nicht bewältigen konnte, kann es sein, dass dieses Bild in unseren Augen steckenbleibt, anstatt von der Sehrinde im hinteren Teil unseres Gehirnes weiterprozessiert zu werden. Wir benennen es sogar explizit: „Das hat sich mir in die Netzhaut eingebrannt.“

Therapeuten und Coaches beginnen, auch und besonders die Augen in die Trauma-Arbeit miteinzubeziehen.

Bei Klienten, die die Augenbewegung als unangenehm empfinden, setze ich statt des Winkens einen anderen bilateralen Reiz, z.B. das abwechselnde Antippen der Oberschenkel.

 

Welch großartige Hilfsmittel stehen uns mit der Arbeit von Peter Levine, Francine Shapiro, Steven Porges und anderen Wegbereitern zur Verfügung, um dem Unaussprechlichen einen heilenden Raum zu geben durch das Pendeln des Körpers zwischen zwei Reizen!

In der Behandlung ist es für mich immer wieder ein kleines Wunder mitzuerleben, wie zuverlässig dieser Pendel-Impuls wirkt und wie ein Mensch, der eben noch hochgradig angespannt war, sich beruhigt und den Auslöser seiner Qual kaum noch erinnert, auch Wochen später nicht, oft für immer.

Vielleicht liegt dem Pendeln das gleiche Prinzip zugrunde, das wir intuitiv anwenden, wenn wir uns nach einem Schreck zur Beruhigung selbst hin und herschaukeln.

EMDR eignet sich übrigens auch für Kinder, und es kann ebenfalls eingesetzt werden zur Rauchentwöhnung.

EMDR zur Rauchentwöhnung

Das mag sich auf dem ersten Blick verwunderlich anhören, funktioniert aber, weil auch der Zwang zur Zigarette als tiefsitzendes traumatisches Ereignis im Körper gesehen werden kann. Die erste Zigarette mag Neugier gewesen sein, aber alles, was danach kommt, ist ein komplexer Vorgang, in dem unser Gehirn das Rauchen fehlgeleitet als „Belohnung“ abspeichert, verbunden mit körperlicher Substanzabhängigkeit und Überlebens-Strategien der Psyche. Darum ist es tatsächlich nicht leicht, nur mit reiner Willenskraft vom Rauchen loszukommen, gleichwohl der eigene Wille das mächtigste Instrument dabei ist. Insbesondere bei starken, langjährigen Rauchern machen wir die Erfahrung, dass EMDR den entscheidenden Beitrag zur endgültigen Rauchfreiheit bringen kann.

 

Wie häufig eine EMDR-Behandlung stattfinden muss, ist unterschiedlich, manchmal reicht eine Sitzung, aber meist sind es mehrere.

Ebenso wie bei der analytischen Hypnose ist ein intensives Vorgespräch unter Einbezug aller sicht- und fühlbaren Facetten aus dem Leben des Klienten wichtig, auch um dem Körper das Gefühl zu geben, er wird gehört. Und ebenso wie sich eine traumatische Erfahrung in ihm, vielleicht schon seit Jahrzehnten, verkrustet hat, kann sie wieder aufgebrochen und losgelassen werden, wenn der geeignete Reiz zur geeigneten Zeit von der geeigneten Person gesetzt wird.

Es gilt hierbei in gleicher Weise wie bei der Hypnose der Satz von Carl Rogers, Begründer der Klientenzentrierten Gesprächstherapie: Es ist die Beziehung, die heilt! Will heißen: Die Chemie muss stimmen zwischen Coach und Klient.

Wenn Sie etwas hat aufhorchen lassen in dem, was Sie gerade gelesen haben, folgen Sie Ihrem Impuls und suchen Sie sich Hilfe. Wie einer meiner Lehrer, Richard Barrett, sinngemäß schrieb: Es gibt drei Dinge, die uns davon abhalten, uns weiterzuentwickeln:

1. Trauma

2. Scham und Schuld

3. die Hektik des Alltags

Lassen Sie nicht zu, dass eines oder mehrere dieser Dinge Ihr Leben weiterhin bestimmt. Die Zeiten, wo wir unendlich leiden mussten, um damit einen Ausgleich für unsere Verfehlungen zu schaffen, sind vorbei. Es ist weder zeitgemäß noch notwendig. Wir haben nicht umsonst mittlerweile einfach anzuwendende und schnell wirksame Methoden für sanfte, aber tiefe Transformation zur Verfügung. Nutzen wir sie!